Zur Einführung
Ein Bericht – drei (oder vier?) Versionen | Otto Zoberbier (1887–1974) – Kurzbiographie | Otto Zoberbier’s Erinnerungen als zeitgeschichtliche Quelle | Die Memoiren als weiteres Beispiel einer ‘Krieg als Reise’-Erzählung | Offene Fragen, Vermutungen, Anmerkungen, Hypothesen | Unterschiede zwischen ²OZ und WZ | Literaturangaben | Fußnoten | Zeittafel (engl.)
Ein Bericht – drei (oder gar vier?) Versionen
Neben der vorliegenden Einleitung enthält diese Website drei – und indirekt vielleicht sogar vier – Fassungen eines Textes: der Kriegserinnerungen des Wachtmeisters Otto Zoberbier, eines deutschen Unteroffiziers, der während des Ersten Weltkriegs seinen Militärdienst in Mesopotamien im Rahmen des deutschen Asien‑Korps vom Dezember 1915 bis März 1919 leistete. Wir wissen nicht, ob die erste Fassung (i.f. abgek. *¹OZ [1]), vermutlich einige Jahre nach Zoberbiers Rückkehr niedergeschrieben – Ottos Sohn Werner meint, es müsse um 1924 gewesen sein[2] –, auf einem Tagebuch beruhte oder Notizen, Briefe, Postkarten oder anderes Material heranzog, da diese erste Fassung verschollen ist. Erhalten ist stattdessen eine zweite Fassung (die sog. „Zweitschrift“, abgek. ²OZ), wahrscheinlich „um 1935“ entstanden, so Werners Schätzung,[3] und zwar zu einem Zeitpunkt, als die erste Fassung durch häufigen Gebrauch bereits abgenutzt und/oder zerfleddert war. Fast ein halbes Jahrhundert später fertigte Sohn Werner, inzwischen im Ruhestand, eine dritte Fassung (abgek. WZ) an, in der er den handschriftlichen Text seines Vaters auf einem Computer (einem der ersten seiner Zeit, wie es scheint) neu abtippte und redaktionell überarbeitete.[4] Diese Website enthält sowohl die „Zweitschrift“ (²OZ) als auch Werners Fassung (WZ) in einer Parallelausgabe, außerdem ein Faksimile der „Zweitschrift“ sowie und eine (ausgiebig kommentierte) englische Übersetzung der Werner’schen Fassung (WZ). Die beiden deutschen Versionen sind parallel nebeneinandergestellt, weil sie sich häufig zum Teil recht erheblich voneinander unterscheiden (siehe unten, Abschnitt „Unterschiede“): die „rohe“ und eher umgangssprachliche, vielerorts auch ungrammatische Sprache aus Ottos eigener Feder wurde von Sohn Werner kräftig „poliert“; außerdem kürzte Werner häufig Passagen aus ²OZ, um leicht repetitive Inhalte zusammenzufassen, oder ordnete Elemente aus ²OZ neu, um den Text flüssiger zu gestalten; darüber hinaus ist Werners redigierte Fassung an vielen Stellen länger und detailreicher als der handschriftliche Text seines Vaters, was Werner damit erklärt, dass er (a) ständig parallel die „Urfassung“, also die nunmehr verschollene *¹OZ‑Fassung, konsultiert habe, die er zu jener Zeit nach eigener Aussage bei der Abschrift von ²OZ zusätzlich zu dieser noch vor sich liegen hatte; (b) manchmal habe er außerdem Einzelheiten ergänzt, die er von den wiederholten „Erzählstunden“ seines Vaters noch im Gedächtnis hatte.[5]

Otto Zoberbier (1887–1974) – Kurzbiographie[6]
Friedrich August Otto Zoberbier wurde am 14. Juni 1887 in Zesch geboren, einem Dorf mit ungefähr achtzig Einwohnern im Kreis Zossen (Mark Brandenburg, 50 km südlich von Berlin), als jüngstes von drei Kindern. Sein Vater war einer der reichsten Bauern im Ort und Ortsvorsteher von Zesch, und die Familie lebte auf einem Bauernhof.
In Zesch besuchte Otto acht Jahre lang die Schule (es gab nur eine einzige Klasse, in der alle Schüler von der 1. bis zur 8. Klasse gemeinsam unterrichtet wurden). Er war ein guter Schüler und wollte Lehrer werden, was auch der Klassenlehrer empfahl. Also sollte er die Schule wechseln und ein Gymnasium besuchen. Doch als Otto zehn Jahre alt war, starb seine Mutter unerwartet, und das „Projekt Gymnasium“ wurde gestrichen.
Im Jahr 1901, nach Abschluss der 8. Klasse, zog der 14‑jährige Otto nach Berlin, um bei der Familie seines Bruders August zu leben, der dort als Bierfahrer arbeitete. Otto erhielt einen Lehrlingsplatz bei der Post, was er sich auch selbst ausgesucht hatte. Die Lehre dauerte drei Jahre; anschließend wurde er in den Postdienst übernommen. Er begann zunächst als einfacher Postbote, wurde dann Geldbriefträger und machte später einen Karrieresprung zur Bahnpost, wo er Chef eines Postens wurde (vergleichbar heute einem Filialleiter). Er hatte einen eigenen Verantwortungsbereich mit einem Waggon, der praktisch ein mobiles Postamt war. In diesem Postwagen wurden Pakete und Briefe direkt sortiert. Als Teil eines Zuges fuhr der Waggon entweder von Berlin nach Marienburg (damals Ostpreußen, durch den Polnischen Korridor hindurch) oder von Berlin aus direkt ostwärts über Küstrin nach Bentschen,wo er auf polnischer Seite verblieb. Von dort brachte Otto regelmäßig polnische Wurst mit, die bei seiner Familie sehr beliebt war.
Nach Abschluss der Lehre wurde Otto für drei Jahre zum Wehrdienst eingezogen [Abb. 2] (und erhielt für diesen Zeitraum Urlaub von der Post).

Er bewarb sich für das „Schutztruppen“-Corps in Deutsch‑Südwestafrika (Aufstand der Nama und Herero 1906–1908), wurde aber wegen unzureichender Körpergröße (1,57 m) nicht angenommen. Stattdessen wurde er zu den Schwedter Dragonern einberufen, einer berittenen Einheit (auch leichte Kavallerie genannt) [Abb. 3].

Nach Ableistung des Wehrdiensts kehrte er 1908 nach Berlin zurück, wo er dann wieder bei der Post arbeitete.
Zu Beginn des Krieges 1914 wurde Otto in die deutsche Armee eingezogen, wo er als Wachtmeister in der Kavallerie (entspricht einem Feldwebel in der Infanterie) diente. Zunächst wurde er in Frankreich eingesetzt, meldete sich dann aber freiwillig für den Einsatz im „Orient“ – und wurde angenommen. Zusammen mit einer Gruppe von dreißig Mann verließ er Berlin am 11. Dezember 1915, damals 28 Jahre alt. [Hier setzen die Memoiren ein.]
Während seiner Zeit im „Orient“ bekam Otto etwa sechs Wochen Urlaub, den er hernach um weitere zwei Wochen verlängern konnte. Diese verbrachte er in Zesch bei seiner Schwester, die inzwischen den elterlichen Hof übernommen hatte und bewirtschaftete. Während dieses Urlaubs lernte er seine spätere Frau kennen, die 18‑jährige Erna Jänicke [Abb. 4], die ihre Schwester Helene in Zesch besuchte. Nach Kriegsende kehrte Otto 1919 nach Berlin zurück. [= Ende der Memoiren]. Kurze Zeit später, am 22. Oktober 1919, heirateten Otto und Erna [Abb. 5] und lebten anschließend eine Weile lang in Berlin‑Köpenick.


Otto hatte seine Tätigkeit bei der Bahnpost wieder aufgenommen, die Arbeitsstelle befand sich am Schlesischen Bahnhof. Das Ehepaar zog ungefähr alle zwei Jahre um, da Erna mit den jeweiligen Mietwohnungen nicht zufrieden war. Das Paar hatte zwei Söhne: Werner [d.i. der Herausgeber der Memoiren], geboren am 1. Feb. 1921, und Günter, geboren am 8. August 1922. Die beiden Jungen verbrachten viele Urlaube in Zesch und genossen den Austausch bzw. das Zusammensein innerhalb der Familie, besonders mit ihren Cousins.
Ottos Schwester, die den Zoberbier‑Hof nun mit ihrem Mann bewirtschaftete, verkaufte Grundstücke, und es war vereinbart worden, dass August und Otto bei der Aufteilung der Erlöse berücksichtigt und ausbezahlt wurden. Mit diesem Geld erwarb Otto 1935 in Berlin‑Grünau ein Grundstück für seine Familie, und im Sommer 1936, kurz vor den Olympischen Spielen in Berlin, zog die Familie in das neue Haus ein; Otto war damals 49 Jahre alt.
Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden Werner und Günter zur Wehrmacht eingezogen. Günter fiel wenige Wochen vor Kriegsende 1945 in Luxemburg. Otto arbeitete weiterhin als Bahnbeamter und Leiter eines Postwaggons. Nach dem Krieg hatte er zwei Stellen in Berlin, eine im Ostteil der Stadt und eine im Westteil. Er ging als Oberinspektor in den Ruhestand und erhielt eine monatliche Rente von 420 Ostmark (da der Wohnsitz in Ostberlin lag).
Kurz darauf beschloss das Ehepaar, in den „Westen“, also in die Bundesrepublik, zu ihrem Sohn Werner überzusiedeln. Infolge des Umzugs erhielt das Paar plötzlich 2000 „Westmark“ (DM) im Monat. Zunächst zogen sie in eine Mietwohnung in Dornstadt, etwa 10 km nördlich von Ulm. Mit zunehmenden körperlichen Einschränkungen entschieden sie sich, in eine andere Wohnung mit betreutem Wohnen in Ulm‑Böfingen umzuziehen. Schon bald darauf, am 26. Juni 1974, verstarb Otto im Alter von 87 Jahren. Er hatte sich im Westen nie wirklich heimisch gefühlt. Seine Frau zog daraufhin in ein Altenheim in Dornstadt, wo sie richtig auflebte. Sie starb kurz vor ihrem 89. Geburtstag am 16. März 1987.
Otto Zoberbier’s Erinnerungen als zeitgeschichtliche Quelle
Otto Zoberbiers Memoiren sind nicht das einzige Dokument dieser Art – es existieren zahlreiche Zeugnisse ihresgleichen, sowohl in Privatbesitz als auch in staatlichen Archiven.[7] Dennoch bieten sie in mehrfacher Hinsicht Details, die sowohl für die historische Forschung zum deutschen Mesopotamien‑Feldzug als auch für Laien von Interesse sein können. Die in den Memoiren geschilderte „Reise“ begann am 11. Dezember 1915, als die Gruppe um Otto Zoberbier mit dem Zug von Berlin nach İstanbul („Konstantinopel“) aufbrach, und endete am 29. März 1919, als sie nach Berlin zurückkehrte (nach einer längeren Fahrt auf einem Frachtdampfer von İstanbul über das Mittelmeer, Gibraltar, die Biskaya, den Ärmelkanal, Rotterdam und Hamburg, wo sie von Bord gingen). In den vierzig Monaten zwischen diesen beiden Eckdaten dienten Zoberbier und seine Kameraden als Teil der deutschen „Orient‑Gruppe“, der sogenannten Pascha‑Armee,[8] die mit dem türkischen Militär zusammenarbeitete; Deutschland war ja Verbündeter des Osmanischen Reiches, das bereits unter der Herrschaft der Jungtürken stand. Die Memoiren enthalten auch den Bericht über einen Ausflug nach Damaskus und Baalbek Ende 1917 (siehe Memoiren, Kap. 10) sowie über einen längeren Heimaturlaub im Frühjahr 1918 (s. Memoiren, Kap. 11).
Als LeserIn der Erinnerungen erfährt man viel über das „Reisen“ in den Nahen Osten, aus dem Nahen Osten und innerhalb des Nahen Ostens – mit dem „Orient‑Express“ (Balkanroute), der anatolischen Eisenbahn (Haydarpaşa – Konya) und der „Bagdadbahn“ (Konya – Aleppo – [im Bau: Bagdad], Bau, vgl. Diary ch. 2, Abb. 17) – sowie über die Herausforderungen des Soldatenalltags hinter der Front und in den deutschen und türkischen Etappen. Zoberbier hat keinen Einsatz direkt an der Front, und selbst als er mehrere Wochen im Lazarett verbringen musste, sagt sein Bericht fast nichts über Kämpfe, Verluste, die vielen Verwundeten usw. Im Zentrum der Erzählung stehen vielmehr seine Erlebnisse, also das, was er sah und erlebte: seine Beobachtungen, Erfahrungen und „Abenteuer“ als Führer kleinerer Transportkommandos, die mit logistischen Aufgaben betraut waren. Typischerweise bestanden diese aus Karawanen, die Tiere (Kamele, Pferde, Maultiere, Esel), Waffen, Ausrüstung, Lebensmittel und/oder Geld von einer Etappe zur anderen zu transportieren hatten, mal in neues Gebiet vorstoßend, später dann auf dem Rückzug entlang des Euphrat oder des Diyālà und oft durch die Wüste oder anderes schwieriges Gelände (z.B. den Pāṭāq‑Pass an der Grenze zwischen dem osmanischen Irak und dem Persischen Reich).
Auf ihren Wegen hatte die Gruppe nicht nur mit den oft äußerst anspruchsvollen topographischen und klimatischen Bedingungen fertigzuwerden (Regen und schlammige „Straßen“ im Winter, extreme Hitze und Luftfeuchtigkeit im Sommer, damit einhergehende ständige Malariaanfälle und weit verbreiteter Typhus), sondern sie kam auch mit der einheimischen Bevölkerung in Kontakt und lernte etwas über deren Sprache, Religion (z.B. die Jesiden in der Sinjār‑Region), Sitten und Bräuche, etwa Ess‑ und Trinkgewohnheiten oder die Gastfreundschaft der Beduinen. Außerdem wurden sie Zeugen (von Teilen) des Völkermords an den Armeniern.[9]
Abgesehen von ertragenem Leid und beobachteter Grausamkeit liest sich ein Großteil der Erinnerungen (und war sicher auch so intendiert) wie eine Mischung aus spannenden Abenteuergeschichten, lustigen oder eindrucksvollen Anekdoten und informativem Reisebericht, ein Text, der nützliche und erstaunliche Kenntnisse über ferne, „exotische“ Länder und Völker vermitteln möchte. So erfahren wir von Beduinenstämmen, die für ihre unerwarteten und grausamen Überfälle bekannt sind; von der „heldenhaften“ Beschaffung von Alkohol an der Front durch einen wagemutigen Österreicher, der dafür eine Tapferkeitsmedaille erhielt (²OZ 40‑41 / WZ 8a); oder über die von Deutschen geführten Hotels und Herbergen in İstanbul, Aleppo und Bagdad, sowie über das dortige Freizeit- und Unterhaltungangebot (einschließlich Konzertgärten, in denen österreichische oder arabische Damenkapellen auftraten), und auch über die Preise, die dafür zu entrichten waren (und bekommen dabei sogar eine Art „Währungsrechner“ mitgeliefert).[10]
Wo immer seine Dienstaufträge Zoberbier hinführten, traf er deutsche oder österreichische Landsleute. Mit ihnen besichtigte er Sehenswürdigkeiten, bummelte durch die Basare, ging in Restaurants und Bars, verbrachte gemütliche Abende oder feierte Kaisers Geburtstag mit gutem Essen, Wein und Bier. Zu Weihnachten erhielten die Soldaten nicht selten sogar Pakete von ihren Familien in Deutschland (ein schon an sich sehr interessantes Detail, da es zeigt, wie gut die Feldpost organisiert war). Für die Verständigung mit der einheimischen Bevölkerung hatte man sich ein paar grundlegende Redewendungen auf Türkisch und Arabisch angeeignet, verließ sich aber zumeist auf türkische Untergebene und/oder Dolmetscher, darunter einige „Palästinadeutsche“, die Arabisch und Türkisch „fließend“ beherrschten, da sie als Mitglieder deutscher (religiöser) Gemeinschaften aufgewachsen waren, die sich im Laufe des späten 19. Jahrhunderts im (damals noch osmanischen) Palästina angesiedelt hatten.[11]
Hin und wieder blieb sogar Zeit zur Jagd – willkommener Anlass für Zoberbier, in seinen „Orient“-Geschichten von seiner Beute zu berichten und zu schildern, wie sein Bursche oder die Einheimischen seine Treffsicherheit priesen und sein Gewehr bewunderten. Hier und in anderen Passagen seines Textes wird auch die Sicht eines durchschnittlichen Deutschen auf „die Orientalen“ recht deutlich. Typischerweise werden die türkischen Ordonnanzen als loyale Diener beschrieben; die einheimische Bevölkerung, vor allem in abgelegenen und/oder gebirgigen Gegenden, interessiert sich hauptsächlich für die Gewehre der Deutschen und fragt unablässig kaç kuruş „Wieviel Piaster (willst du dafür haben)?“; Beduinen gelten als listig und potenziell gefährlich, doch als ihre Gäste kann man sich sicher fühlen und die Gastfreundschaft genießen; die türkische Armee erscheint als schlecht ausgerüsteter und mangelhaft ausgebildeter Haufen, dem es an Disziplin fehlt; die Jandarma‑Einheiten schildert Zoberbier als grausam und erbarmungslos; und arabische Arbeiter (im Text mit dem türkischen Wort hamale bezeichnet) sind in der Regel faul, haben keine Arbeitsmoral und müssen daher ständig streng beaufsichtigt werden.
Zoberbiers „kolonialistischer“ Blick ist, wie Reichmanns Studie über die Haltung deutscher Soldaten gegenüber ihren „orientalischen“ Verbündeten im Ersten Weltkrieg („Tapfere Askers“, 2009) deutlich macht, alles andere als ungewöhnlich für seine Zeit…
Die Memoiren als weiteres Beispiel einer ‘Krieg als Reise’-Erzählung
Wie bereits erwähnt, finden sich in Zoberbiers Schilderung seiner Erlebnisse im Nahen Osten während des Ersten Weltkriegs, trotz aller Beschwernisse und beobachteten Grausamkeiten, auffallend viele Beschreibungen pittoresker Landschaften, angenehmer Ausflüge, interessanter Sehenswürdigkeiten und wunderbarer Begegnungen und zahlreiche Passagen darüber, wie schön das Leben selbst unter Kriegsbedingungen sein konnte. Dieses generelle Merkmal der Erinnerungen ist sicherlich zum Teil ein Tribut an die Zuhörerschaft, die Zoberbiers Erzählungen nach dem Kriege zu Hause andächtig lauschte: Als Bericht eines „Geschichtenerzählers“, der Familienmitglieder, Freunde und Bekannte bei gesellschaftlichen Anlässen mit seinen Erinnerungen unterhielt, hätten seine Geschichten viel von ihrer Attraktivität eingebüßt, hätte er mehr spezifisch militärische, „langweilige“ Daten in seine Erzählung mit aufgenommen; das hätte vermutlich auch detailliertere Schilderungen von schrecklichem Leid, Tod und Brutalität bedeutet – und vielleicht sogar ein grundsätzliches Infragestellen des „Sinns des Ganzen“, der Unmenschlichkeit des Krieges als solcher usw.
Auf der anderen Seite unterschied sich der Militärdienst im Osten jedoch auch tatsächlich erheblich von dem, was Soldaten an der Westfront durchzumachen hatten, und man darf Zoberbier sicherlich glauben, wenn er bei unzähligen Gelegenheiten festhält, wie schön das Leben in X gewesen sei, dass er sehr gern länger in Y geblieben wäre oder wie schade es gewesen sei, dass sie Z hätten verlassen müssen.[12] Offenbar hatte er guten Grund, es so zu erleben: Er und seine Kameraden hatten häufig reichlich Freizeit und nutzten diese, um Sehenswürdigkeiten zu besuchen,[13] geselliges Beisammensein zu genießen,[14] auf die Jagd zu gehen[15] oder touristische Ausflüge zu unternehmen (wobei sich das Angenehme oft mit einem militärischen Auftrag verbinden ließ);[16] zudem gab es gutes Essen sowie Wein und Bier.[17] Zoberbier fühlte sich deshalb oft so wohl wie „zu Hause“ [18] – nicht zu vergleichen mit dem traumatischen Erlebnis einer industrialisierten Massenschlächterei und sinnloser Grabenkämpfe, wie es die Soldaten an der Westfront zu verarbeiten hatten. Der Mesopotamienfeldzug kannte weder Schlachten wie die von Verdun oder der Somme noch den Einsatz von Giftgas; auch gab es deutlich weniger schwere Artillerie und Panzer und keine Dauerbedrohung durch feindliches Feuer. Außerdem war das „Tempo des Krieges“ aufgrund der enormen logistischen Herausforderungen (lange Nachschublinien, schlechte Infrastruktur, harsche Umweltbedingungen) erheblich langsamer als an der Westfront. Zwar dürfte die Krankheits‑ und Sterblichkeitsrate, bedingt durch schlechtere sanitäre Verhältnisse, im Osten höher gewesen sein als im Westen; doch handelte es sich dabei nicht um kampfbedingte „Verwundungen“ und Verluste.
Wie Oliver Stein in seiner Studie über zahlreiche ähnliche „Krieg‑als‑Reise“‑Narrative mit durchweg heiter‑optimistischem Grundton gezeigt hat (Stein 2016), erleichterte den Soldaten darüber hinaus der Umstand, dass sie im „Orient“ dienten, das Ertragen aller Härten. Der „Orient“, das war jenes quasi‑mystische Land der Bibel und von Tausendundeiner Nacht, und allein die Tatsache, „dort zu sein“, in dieser „magischen“ Region, kam der Erfüllung lang gehegter Träume und Sehnsüchte gleich. Neben biblischen Geschichten und den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht war das allgemeine „Orient“‑Bild jener Zeit stark durch die Lektüre von Karl Mays „orientalischen“ Abenteuerromanen geprägt[19] [Abb. 6].

So erwähnt Zoberbier mehrfach, er habe viel über Orte wie die Hagia Sophia gehört, in der Bibel von Ninive gelesen,[20] oder als Schüler sogar einen Aufsatz mit dem Titel Durch Dorngestrüpt [sic!] und Wüstensand da geht der Weg nach Canaan geschrieben, in dem Damaskus vorkam.[21]
Oliver Stein zufolge prägte ein derartiger Orientalismus den Erwartungshorizont und die Wahrnehmungsmuster der Soldaten enorm. Er beeinflusste ihr Handeln vor Ort und bestimmte, was in der Erinnerung hängenbleiben sollte und was nicht.[22] Eine Betonung der eher „touristischen“ Aspekte in ihren Berichten erlaubte ihnen, ihre Erlebnisse mit Tropen und Themen zu verknüpfen, die ihrem Publikum vertraut waren. Diese positive Grundhaltung gesellte sich zu der Tatsache, dass sie tatsächlich die Möglichkeit hatten, ihren Horizont zu erweitern (sie lernten Neues über den Nahen Osten, bekamen biblische Landschaften und historische Stätten zu sehen und erwarben Kenntnisse über Land und Leute, Essen, Kulturen, Religionen usw.). Hierzu und zu der vom Orientalismus bestimmten Wahrnehmung kam außerdem ein vergleichsweise höherer Grad an Freiheit, bedingt durch die Distanz zur Heimat, die häufigen Ortswechsel und oft auch ein höheres Maß an Eigenverantwortung und Entscheidungsspielraum. In vielen Situationen waren sie ja – gezwungenermaßen – ihre eigenen Herren. Zusammen mit dem „Angebot“ interessanter Erfahrungen und Erlebnisse und der größeren Freiheit machte der orientalistische Exotismus es also leichter, Kriegsgreuel zu verdrängen, schweres Leiden zu verarbeiten, Gefühle zu kontrollieren und traumatische Erfahrungen (wie etwa die Beobachtung der Massaker an den Armeniern) abzumildern. Bei allem, was die Soldaten erlebten, wussten sie, dass sie bei der Rückkehr nach Hause exotische und aufregende „Orient“-Geschichten würden erzählen können. Ein weiterer Aspekt des „Orientalismus“, den Stein nicht erwähnt, der aber zusätzlich zu einem allgemein positiveren Erleben beigetragen haben mag als an der Westfront, wo Depression und Resignation die Grundstimmung war, dürfte auch der Umstand gewesen sein, dass die „Orientalen“, mit denen die deutschen Soldaten in Kontakt kamen – angeworbene Arbeitskräfte oder Angehörige der meist armen lokalen Bevölkerung –, stets ihre Untergebenen waren, ein Umstand, der ein Gefühl rassischer Überlegenheit stützen oder bestätigen konnte.
Offene Fragen, Vermutungen, Anmerkungen, Hypothesen
Eine genaue Lektüre und ein Vergleich der beiden erhaltenen Fassungen der Erinnerungen Otto Zoberbiers sowie die Heranziehung weiteren außertextlichen Materials, das Ottos Enkel Manfred aus einigen Kisten beisteuerte, die er im Haus seines Vaters (also von Otto Sohn Werner) fand, sowie im Interview mit Werner Zoberbier zusätzlich gemachte Angaben werfen einige Fragen hinsichtlich der Stimmigkeit von Werners Darstellung der Textgeschichte auf.

geb. 14. Juni 1887
schrieb *¹OZ und ²OZ

geb. 1 Feb. 1921
verfertigte WZ

geb. 1951
trug allerlei zusätzliches Material zusammen
Abb. 7a-c: Drei Generationen von Zoberbiers. © W. Zoberbier (a), S. Guth (b,c)
Sehr häufig sind die in der „Zweitschrift“ (²OZ) und der von Werner überarbeiteten Fassung (WZ) genannten Daten, Orte, Personen, Preise usw. derart detailliert und präzise, dass es schwer vorstellbar ist, dass Otto bei der Abfassung seiner Memoiren nicht auf ein während seines „Orient“-Einsatzes geführtes Tagebuch oder andere schriftliche oder gedruckte Unterlagen (Briefe oder Postkarten nach Hause oder von dort, private Notizen, Listen, Nachschlagewerke, Karten usw.) zurückgegriffen haben sollte – Unterlagen also, die ihm geholfen haben könnten, all diese Daten mit solcher Genauigkeit zu erinnern. Sohn Werner und Enkel Manfred schließen dennoch nicht aus, dass ihr Vater bzw. Großvater tatsächlich imstande gewesen sein könnte, derart präzise und detaillierte Angaben auch noch Jahre nach seiner Rückkehr aus Mesopotamien zu machen. Sie betonen, dass sie ihn als jemanden gekannt hätten, der über ein sehr scharfes Gedächtnis verfügte, und dass sie selbst dieses Talent von ihm geerbt hätten. Dennoch sind die im Text enthaltenen Daten so detailliert, dass ich es mir trotz der Beteuerungen der Angehörigen erlaube, mancherorts daran zu zweifeln. Mir scheint es wahrscheinlicher, dass die (angeblich) erste Fassung der Memoiren, also die verlorene „Erstschrift“ (*¹OZ), mithilfe eines Tagebuchs oder ähnlichen Materials (*⁰OZ) zusammengestellt wurde.
Außerdem fällt auf, dass der Text der sogenannten „Zweitschrift“ (²OZ) voller Rechtschreibfehler,[23] ungrammatischer Formulierungen, Durchstreichungen und anderer Korrekturen ist (siehe unten, Abschnitt „Unterschiede“, für einige zufällig ausgewählte Beispiele) und keinerlei Gliederungsüberschriften oder Absätze aufweist (der Text ist vielmehr von Anfang bis Ende als ein einziger monolithischer „Block“ geschrieben). Letzteres ist vielleicht dem Umstand geschuldet, dass zum Zeitpunkt der Niederschrift (in den frühen/mittleren 1930er Jahren?) Papier knapp war und Otto deshalb bemüht war, unnötige Leerstellen zu vermeiden. Doch sollte man nicht annehmen, dass jemand, der sich die Mühe macht, eine zerfledderte Erstfassung abzuschreiben, diese Gelegenheit nicht auch dazu benutzen würde, eine sauberere, möglichst fehlerfreie Version zu erstellen? Weshalb sollte Otto in seiner Zweitfassung sämtliche (oder jedenfalls viele) Mängel der ersten Version übernommen haben? Verfügte er nur über mangelhafte, unzureichende Kenntnis der damals gültigen Orthographieregeln und der „gehobenen“ deutschen Sprache? Hatte er nicht acht Jahre Schulbildung in seinem Heimatdorf genossen, dann drei Jahre Lehrzeit als Postgehilfe uns anschließend viele Jahre im gehobenen Postdienst gearbeitet, was – so möchte man annehmen – auch Bürotätigkeiten und Korrespondenz in der schriftsprachlichen Normsprache einschloss?
Wenn die „Zweitschrift“ also dennoch voller Rechtschreibfehler, Durchstreichungen, ungrammatischer Sätze und in einem „Pseudo“-Hochdeutsch gehalten ist, so scheint mir, dass entweder das Bildungsniveau eines gehobenen Postbeamten jener Zeit deutlich niedriger war, als man erwarten möchte, oder die „Zweitschrift“ stammt gar nicht aus der Feder Ottos, sondern von jemand anderem mit geringerer Bildung (aber von wem?); oder aber – eine gewagte Hypothese – sie war möglicherweise gar keine Abschrift, sondern die eigentliche Erstschrift (zusammengestellt möglicherweise unter Verwendung verschiedener loser Blätter oder anderer Materialien). In diesem Fall wären die von Sohn Werner sowohl im „Nachwort“ zu WZ (verfasst fast ein halbes Jahrhundert nach ²OZ) als auch in einem 2024 geführten Interview (nochmals rund vier Jahrzehnte später) gemachten Aussagen zur Textgeschichte nicht korrekt. Aber weshalb sollte Werner dann erinnern, dass die (nun „verlorene“) *¹OZ in alter deutscher Handschrift (Sütterlin/Kurrent[24]) geschrieben gewesen sei, und behaupten, er habe sowohl *¹OZ als auch ²OZ vor sich gehabt, als er die Typoskriptfassung (WZ) erstellte?
Eine weitere, sich daran anschließende Frage: Stand die (nunmehr „verlorene“, zerfledderte) angebliche Erstschrift (*¹OZ) Werner wirklich zur Verfügung, als er die „Zweitschrift“ (²OZ ) „abtippen“ und überarbeiten wollte? Weshalb erwähnte er dies dann nicht im „Nachwort“? Und weshalb hat die angebliche „Urfassung“ *¹OZ die Zeit nach Werners Überarbeitung nicht überdauert, obwohl die Jahrzehnte seit den frühen 1980er‑Jahren bis heute gewiss weniger turbulent waren als die des Zweiten Weltkriegs und der schwierigen Nachkriegszeit, in denen Otto und seine Familie häufig umzogen, zum Schluss sogar von Ostdeutschland in den „Westen“? Hat Werner die zerfledderte *¹OZ einfach weggeworfen? Falls ja, weshalb erinnert er sich daran nicht?
Auch ein weiterer Punkt kann recht befremdlich wirken: In den Memoiren findet sich kein Hinweis auf Ottos Verlobung mit seiner späteren Frau Erna, obwohl dieses Ereignis im Frühjahr 1918 während seines Heimaturlaubs stattgefunden haben muss. Ottos Sohn Werner vermutet, sein Vater habe dies nur deshalb nicht erwähnt, weil eine derart private Angelegenheit nicht zum Genre der Kriegserinnerungen oder zum generellen Charakter eines „Orient‑Reiseberichts“ gepasst habe. Werner mag hierin recht haben; dennoch erwähnt Otto, dass er während seines Urlaubs eine schöne Zeit mit Familie und Freunden verbracht habe und dass er sich „am vorletzten Tage meines regulären Urlaubs“ mit seiner Braut [!] und seinen Angehörigen in Berlin ein Theaterstück angesehen habe (WZ 18a). Es gab also eine „Braut“ – zumindest in der WZ‑Fassung; in ²OZ hat diese Passage kein Gegenstück, sie wurde von Werner in WZ hinzugefügt. Doch wir wissen nicht, warum. Stand die Stelle in *¹OZ (die Werner nach eigenen Angaben vor sich liegen hatte und gelegentlich zu Rate zog), oder hat er sie aus eigener Erinnerung ergänzt? Wie auch immer: Selbst wenn sie in *¹OZ enthalten war oder aus seiner Erinnerung hinzugefügt wurde, warum erwähnt der Text nicht die Verlobung selbst, sondern nur einen Theaterabend mit der „Braut“ und der Familie? – Berit Thorbjørnsrud, eine meiner ehemaligen Kolleginnen, führt die Vernachlässigung der Verlobten/späteren Ehefrau schlicht darauf zurück, dass Frauen in der damals noch stark patriarchalen Gesellschaft wenig galten und Erna daher einfach als nicht wichtig genug erachtet wurde, um prominenter erwähnt zu werden.
Ähnlich auffällig ist die Tatsache, dass Ottos Enkel Manfred in den Souvenirkisten, die in Werners Haus aufbewahrt wurden, ein recht spektakulär anmutendes Dokument fand: eine „Kriegsmedaille am Roten Band“ (ḳırmızı şeritli ḥarb medalyăsı), verliehen an Otto Zoberbier von niemand Geringerem als dem „Kriegsminister“ (Ḥarbīye nāẓiri) Enver Paşa für „gute Dienste“ (ḥüsn-i ḫidmat) „im Krieg von 1332–33“ (siehe Abb. 8a-e).[25]

| ḳırmızı şeritli ḥarb medalyăsı | Kriegsmedaille am Roten Band |
| Biñ üçyüz otuz iki ve otuz üç senĕleri ḥarbında veẓāʾif mevāḳiʿid..ñde (?) ḥüsn-i ḫidmat göstermiş oldığġıdan ṭolayı nām-i aḳdas-i hümāyūn ḥażret-i pādşāhīya olăraḳ saña ḥarb medalyăsı verildi. Bundan böyle daḫi her ḥālde (vuḳūf?) dāʾirĕsinde īfā-yi ḥüsn-i ḫidmetle iktisāb-i ḳabż … (?) saʿy ve ḫayret eyleyĕsin | Aufgrund der guten Dienste, die Sie im Krieg von 1332–33 in operativen Funktionen (oder: am Einsatzort?) geleistet haben, wird Ihnen [hiermit und] im Namen Seiner Majestät des Padischahs diese Kriegsmedaille verliehen. Von nun an und in jedem Falle sind Sie zum Bezug der Bezahlung (?) für Ihre Verdienste durch das Informationsministerium (?) berechtigt. |
| Ḥarbīye nāẓiri Enver | Enver, Minister für Kriegsangelegenheiten |
Abb. 8b: Die von Enver Paşa an Otto Zoberbier verliehene “Kriegsmedaille” – Umschrift und Übersetzung[26]

So prächtig dieses Dokument auch ist, so ist es doch auch voller Rätsel.
Erstens: Warum findet es in Ottos „Reisebericht“ keinerlei Erwähnung? Fehlt es, weil Otto es – wie Sohn Werner meint – für eine mehr oder weniger unbedeutende Standardauszeichnung hielt?
Zweitens: Die Datumsangaben passen nicht zusammen. Laut Memoiren hielt sich Otto Anfang 1916 für zwei Wochen in İstanbul auf (auf dem Weg nach Mesopotamien) und weitere drei Wochen im Januar/Februar 1918 (auf dem Rückweg nach Berlin in seinem Heimaturlaub). Die „Kriegsmedaille“ selbst ist nicht datiert; doch das auf der recto-Seite [Abb. 8d-e]


als „Ende“ (nih[āyet]) von „Ōtō Čōbĕrbiyĕs“ Dienst genannte Jahr ist hier mit „1917“ angegeben – für den Aufenthalt 1916 liegt es noch zu weit in der Zukunft, für den in 1918 scheint es zu spät (wenngleich nicht völlig ausgeschlossen).
Drittens: Darüber hinaus ist als Beginn (bid[āyet]) seines Dienstes in der „deutschen Irak-Gruppe – 2. Dragoner“ (ʿırāḳ almān ġrubı – drāġōn 2) das Jahr „1907“ eingetragen, also lange vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs und Beginn des deutsch‑osmanischen Bündnisses. Ist damit vielleicht der Beginn von Ottos Dienst im 2. Dragoner‑Regiment in Schwedt gemeint (vgl. Biographie)? Aber selbst dann wäre die Angabe nicht korrekt (Otto diente dort von 1905 bis 1908).
Viertens: Während die Jahreszahlen für Beginn und Ende nach christlicher Zeitrechnung angegeben sind, wird der Krieg, in dem Otto angeblich „gute Dienste“ geleistet haben soll, nach dem islamischen Kalender datiert, als „Krieg der Jahre 1332–33“. Um welchen Krieg könnte es sich dabei handeln? Das islamische Jahr 1332 a.H. begann im Dezember 1913 n.Chr., und 1333 a.H. endete im Oktober 1915 n.Chr. Da Zoberbiers Dienst im Osmanischen Reich nicht vor seiner Ankunft in İstanbul im Dezember 1915 begann und er zwischen 1908 und dem Kriegsausbruch weiterhin bei der Post arbeitete, gibt es keinerlei Überschneidung zwischen den im „Kriegsmedaillen“-Dokument genannten Daten und den tatsächlichen biographischen Daten (zumindest in der Form, in der sie von seinem Sohn Werner erinnert werden).
Unterschiede zwischen ²OZ und WZ


Wie bereits erwähnt, ist die jüngste Fassung der Memoiren, das Typoskript Werner Zoberbiers (WZ), keineswegs nur eine wortwörtliche Abschrift der zugrundeliegenden „Zweitschrift“, des angeblich zweiten Manuskripts von Otto Zoberbier (²OZ). Der Sohn hat den Text, von dem er „kopierte“, vielmehr an mehreren Stellen abändert, teilweise sogar beträchtlich:
(a) ²OZ hat zwei Titel: Auf dem Deckblatt des Heftes steht Meine Erlebnis[s]e im Orient : Persien und Arabien 1915–1919, während auf S. 1 die Überschrift (die einzige im gesamten Manuskript) Meine Reise durch den Orient lautet. Die Handschrift bleibt somit in Bezug auf die Gattungszuordnung ambivalent. Der Begriff Erlebnisse unterstreicht den Charakter erzählter „Erfahrungen“ und „Abenteuer“, während Reise schlicht „Reisen, Fahrt, Trip“ bedeutet. In der neuen, redigierten WZ‑Fassung entschied sich Werner mit der Wahl des Titels Meine Reise… für den eher „touristischen“ Aspekt.
(b) Werner teilte den Text der besseren Übersichtlichkeit und Lesbarkeit halber in nummerierte Kapitel mit Überschriften auf[27] und fügte Absatzwechsel ein. Demgegenüber besteht ²OZ aus einem einzigen unstrukturierten, „amorphen“ Textblock. Wo Werner neue Absätze beginnen lässt, läuft der Text im handschriftlichen ²OZ einfach in derselben Zeile weiter – selbst dort, wo es zu deutlichen Inhalts‑ oder Themenwechseln kommt.
► ²OZ ist in einer recht „groben“ Sprache verfasst, was Werner gründlich überarbeitet hat. Seine Redaktion umfasste die Anpassung von Zeichensetzung und Rechtschreibung an die moderne Standardorthografie sowie zahlreiche Umformulierungen (siehe unten), wodurch das allgemeine sprachliche Niveau des Textes spürbar angehoben wurde.
► These are the instances where Werner says he added the data either from the – then allegedly still extant but now lost – ‘very first’ version, *¹OZ, or from what he, Werner, himself remembered from his father’s stories. Here, too, one may speculate about the reliability of these explanations: If *¹OZ still existed in the 1980s, why was it lost afterwards (while other pertinent souvenirs, like the group picture [Abb. 3] or “war medal” [Figs. 8a-e] survived safely in some boxes)? How well had Werner preserved details of his father’s oral accounts in his memory a decade after the latter’s death? Otto died on June 26, 1974, aged 87, and when Werner sat down to copy-edit the handwritten ²OZ booklet it was in the early or mid-1980s after his own retirement. Häufig unterscheidet sich auch die Länge der inhaltlichen Einheiten. Manchmal fasst Werners Version (WZ) den Text von ²OZ zusammen. An anderer Stelle werden die geschilderten Ereignisse neu angeordnet (wahrscheinlich, um einen besseren Lesefluss zu erzielen). Nicht selten lässt Werner auch Teile von ²OZ weg (entweder um Wiederholungen zu vermeiden oder aus Gründen, über die man spekulieren kann;[28] siehe oben, S. xiii, Abschnitt „Offene Fragen, …“). In wieder anderen Fällen ist WZ detailreicher als ²OZ.[29]. Laut Werner hat er die Zusatzangaben an diesen Stellen entweder aus der – damals angeblich noch existierenden, heute aber verlorenen – „allerersten“ Fassung, *¹OZ, geschöpft, oder aus der eigenen Erinnerung an die Erzählungen seines Vaters. Auch hier kann man über die Zuverlässigkeit dieser Erklärungen sicher spekulieren: Wenn *¹OZ in den 1980er Jahren noch existierte, warum sollte es denn ausgerechnet danach noch verloren gegangen sein (während andere relevante Erinnerungsstücke, wie das Gruppenfoto [Abb. 3] oder die „Kriegsmedaille“ [Abb. 8a–e], in diversen Kisten unbeschadt erhalten blieben)? Wie gut hatte Werner die Details der mündlichen Berichte seines Vaters ein Jahrzehnt nach dessen Tod noch in Erinnerung behalten? Otto starb am 26. Juni 1974 im Alter von 87 Jahren, und als Werner sich hinsetzte, um das handgeschriebene ²OZ-Heft zu redigieren, war es Anfang oder Mitte der 1980er Jahre, nach seiner eigenen Pensionierung.
(c) Was die orthographischen und sprachlichen „Mängel“ des ²OZ-Manuskripts betrifft, so sind diese zu umfangreich, als dass diese Einleitung sie in ihrer Gesamtheit darstellen könnte. M.E. wären sie sogar eine eigenständige Untersuchung wert, denn Ottos Deutsch in ²OZ zeigt Merkmale dessen, was man – in Analogie zu dem Ausdruck „Middle Arabic“ – als „Mittel‑Deutsch“ bezeichnen könnte: eine Sprachebene zwischen einem „niedrigen“, umgangssprachlichen bzw. dialektalen Register auf der einen und einem standardisierten „gehobenen“ Stil auf der anderen Seite. Die folgende Liste basiert auf einer Zufallsauswahl aus der Mitte von ²OZ (S. 50–65) und enthält u.a. folgende Phänomena:[30]
► fehlende Anführungszeichen:
…bei mir Barschausch (Feldwebel) Batt Batt (Enten) (…bei mir [und riefen]: “Barschausch (Feldwebel), batt batt (Enten)!”)<64>; und sagte was haben sie denn da geschossen, ist ja ein Luchs<64> (und sagte: “Was haben Sie denn da geschossen, [das] ist ja ein Luchs!”);
► unmarkierte Appositionen
sein … Mittag (–) Huhn mit Reis (–) verzehren<50>;
► mangelnde Markierung neuer Subjekte in neuen Haupt- und Nebensätzen
mein erster Gang zur Etappe (,) und hier erfuhr ich…<50>; … aufgebrochen (,) und durch gings…<52>; … gab es hier nicht (,) und noch waren wir nicht…<53>; vor allen Technische Formationen (,) und so wurde…<57>; holen würden (,) und das half (,) und die meisten nahmen die Arbeit wieder auf (,) und so konnten wir… im Trocknen (.) Der Europäische Winter…<61>; …gab, daß Fell… (gab. Das Fell…)<62> (new sentence); das [Fell] der Füchse [ist] besser (,) und in Bagdad zahlten sie…<62>; aufgehängt, als dann… (aufgehängt. Als dann…)<64>; … waren… die Araberjungs im Wasser (,) und jeder wollte der erste sein (,) und derjenige…<65>;
► mangelnde Markierung des Anfangs/Endes von Nebensätzen:
bat er mich (,) ob ich nicht…<51>; Ba-ku-ba (,) wo…<53>; sah (,) das(s)<62>; manchen (,) der<62>; Eines Tages (,) als ich…<63>; an der Stelle (,) wo<64>; nach Bagdad (,) um… Einkäufe zubesorgen<65>; derjenige (,) der die Enten brachte (,) bekam…<65>; Hühner hatten wir… (,) und traf mal ein größerer Transport ein (,) schlachteten wir selbst<65>;
► kein Komma in Aufzählungen:
legte an (,) Zielte und Schoß<64>;
► ‘redundante’ Zeichensetzung:
der Angeschossen war, und Blutspuren hinterließ<62> (…war und…; Komma eingefügt, obwohl das Subjekt dasselbe bleibt);
► Großschreibung finiter (gebeugter) Verbformen:
[ich] Ritt (ritt)<50>; Rastete (rastete)<50>; zu Retten (retten)<51> ; [wir] Maschirten (marschierten)<52>; mich Untersuchen (untersuchen)<55>; dafür Sorgen (sorgen), daß<56>; Retten (retten)<57>; Jagden (jagten)<58>; Streikten (streikten)<60>; und Schoß (schoß/ss)<63, 64>; (um) zu Jagen (jagen)<62>; Zielte (zielte)<64>;
► Kleinschreibung von Verbalnomina:
ein trinken (Trinken) aus der Feldflasche<53>; alles zureden (Zureden)<61>; beim abziehen (beim Abziehen)<64>; zum trocknen (Trocknen)<61>;
► Kleinschreibung auch anderer Substantive:
vermerk (Vermerk)<60>; ende (Ende) April<61>; ende (Ende) Oktober… anfang (Anfang) November<61>; vor eintritt (vor Eintritt)<61>; zum trocknen (Trocknen)<64>;
► Großschreibung von Adjektiven und Adverbien:
Abends (abends)<50, 54, 57>; Nachts (nachts)<50, 52>; Unterwegs (unterwegs)<51>; ein Deutscher (deutscher) Arzt<54>; war immer Warm (warm)<55>; einigermaßen Wohl (wohl)<56>; Sauber (sauber)<56, 57>; Technische (technische)<57>; Fingerhocher (fingerhoher)<57>; Telefonisch (telefonisch)<58>; Häuslich (häuslich )<58>; Türkische (türkische)<58>; Angeschossen (angeschossen)<62>; Kilometerweit (kilometerweit)<62>; Wertlos (wertlos)<62>; Verpflegt (verpflegt)<62>; Arabischen (arabischen)<63>; Trocken (trocken)<64>; Wertvoller (wertvoller)<64>; Wöchentlich (wöchentlich)<65>;
► Getrenntschreibung von Vorsilbe und Hauptverb bei zusammengesetzten Verben:
zurück kam (zurückkam)<50, 64>; zurück gelegt (zurückgelegt)<52>; zurück gehende (zurückgehenden)<52>; auseinander zuschlagen (auseinanderzuschlagen)<58>;
► Getrenntschreibung von Komposita (zusammengesetzter Substantive):
Maultier Karawane (Maultierkarawane or Maultier-Karawane)<51>; ein gewalt Marsch (Gewaltmarsch)<53>; Stab arzt (Stabsarzt)<54>; die Araber Jungs (Araberjungs)<64>;
► Zusammenschreibung von “zu” mit folgendem Infinitive oder anderen Elementen:
zuheiß (zu heiß)<52>; zudenken (zu denken)<52>; zuende (zu Ende)<52>; zugehen (zu gehen)<52>; zulöschen (zu löschen)<53>; zuschmecken (zu schmecken)<55>; zurechnen<57> (zu rechnen); zuverdienen<59> (zu verdienen); zuverschwinden (zu verschwinden)<60>; zuverlaßen (zu verlassen)<61>; zubesorgen (zu besorgen)<65>;
► alte (antiquierte) Rechtschreibung:
Todt (Tod)<53>, Brodt (Brot)<60>;
► ungewöhnliche/unorthographische Schreibung:
– -i- statt ‑ie- or ‑ih-: erschin (erschien)<60>; im (ihm)<62>;
– -k- statt ‑ck-: Rükweg (Rückweg)<50>; schmekt(e) (schmeckt(e))<52, 55>; Bakofen (Backofen)<52>;
– -n- statt ‑nn-: konte (konnte)<51>;
– -nn- statt ‑n-: mann (man)<57>;
– -ß- statt ‑s-: weiterreißte (weiterreiste)<50>; daß (das) Baden<55>; ausgelaßtet (ausgelastet)<56>; daß (das) gab<60>; daß (das) Fell<62, 64>; daß (das) dauerte aber<63>;
– -ß- statt ‑ss-: verlaßen (verlassen)<62>; und Schoß (schoss)<63>;
– -s- statt ‑ß- or ‑ss‑: ein bischen (bißchen / bisschen)<55, 60>; Fleisigen (Fleißigen)<59>; auser (außer)<60>; sah (,) das (dass)<62>;
– -ff- statt ‑f-: öffters<64> (öfters);
► ‘etymologisierende’ Schreibung:
Jagden (jagten)<58>;
► defektive Schreibung (wohl aufgrund berlinischer Aussprache):
– beschäftig (beschäftigt)<59>; Tonfeife (Tonpfeife)<59>; Furch (Furcht)<60>; mein (meinen) vermerk<60>; Nadem (Nachdem)<61>; sichbar (sichtbar)<61>; in ein (einen) Sack<64>; bewältig (bewältigt)<65>; mindesten (mindestens)<65>;
– ordendlich (ordentlich)<51>; zusehens (zusehends)<55>
► Fremdwörter:
Lazareth (Lazarett)<51, 53, 54, 56> (vielleicht in Anlehnung an “Nazareth”); das Maschiren (Marschieren)<52>, [wir] Maschirten (marschierten)<52>; Alluminium (Aluminium)<53>; Generalkomando (…kommando)<56>; Euphrath (Euphrat)<57>;
► ungrammatische Formen / Wendungen:
ein Deutscher Arzt und der/[31] (deutscher Arzt, der) mit Tropenk[r]ankheiten vertraut war<54>; meine Zeit (ich) war nicht ausgelaßtet<56>; des Frühjahr (Frühjahrs)<56> (Genitiv-s fehlt); War ein Transport per Schachturen (Kähne) angekommen, (so) wurden (sie) hier entladen<57> (Subjekt des Hauptsatzes ausgelassen); die Schachturen auseinander zuschlagen daß uns der Türkische Etappenoffizier verweigerte und Posten aufstellte (… auseinanderzuschlagen, was uns… verweigerte; er stellte Posten auf)<58> (neuer Hauptsatz mit identischem Subjekt in den Nebensatz hineingezogen und mit diesem vermengt); alle… liegende/[32] (liegenden) Steine<61>; Nun fing für mich wieder die gute Zeit an (,) und (ich) ging viel Jagen<62> (ich-Subjekt des Folgesatzes “ging viel jagen” als schon im Vordersatz erwähnt vorausgesetzt und deshalb ausgelassen, obgleich im Vordersatz nicht der Nominativ ich, sondern der Akkusativ steht); waren… bei mir zu Jagen (um zu jagen oder zum Jagen); die Begleitmannschaft wurde von uns Verpflegt (,) und (wir) zahlten für den Tag 5 Piaster<62> (wie oben: wir-Subjekt des Folgesatzes ausgelassen, da als bereits erwähnt empfunden, obgleich es im Vordersatz nur als Präpositionsobjekt in abhängigem Kasus – von uns – erscheint); von Araber… eingerieben (vom Araber oder von den Arabern)<64>;
► Vermischung (bzw. Unsicherheit bei der Bildung) von Präsens- und Vergangenheitspartizipien:
angekommende (angekommene) Europäer<51>; aus den angekommenden (angekommenen or ankommenden) Schachturen<58>;
► Berlinismen in den grammatischen Kasus (Vertauschung von Akkusativ statt Dativ),
lief ich den (dem) Hauptmann Jordan in die Hände<51>; in Zelte (Zelten) aus Rohrgeflecht<57> (in hat hier lokative Bedeutung); in 4-5 Tage (Tagen)<59>; bei den Araber (Arabern)<60>; konnte jeden (jedem) vertrauen<60>; daß/[33] (Dem) wollten sie nicht nachkommen<61>; ließen wir die (den) übrigen sagen<61>; auf den (dem) Euphrat<64>; von unseren (unserem) Araber<65>;
► umgangssprachliche Formulierungen:
ob ich nicht könnte […] gehen (nicht […] gehen könnte)<51> (word order); überwältig (bewältigt)<53>; und durch gings (und [schon] ging es durch)<52>; hier liegenbleiben (liegenzubleiben) bedeutete…<53> (ugs. Infinitiv); trotsdem (obwohl / obgleich) es sehr gut war<54> (Adverb trotzdem als Subjunktion gebraucht); Stabsarzt der sich die größte Mühe gab, und ich für ihn (und für den ich… ) ein Rätsel war<55>; dafür (davor) Retten<57>; Fingerhocher Sand<57> (fingerhoher Sand oder Sand fingerhoch); die Schachturen auseinander zuschlagen daß (, was) uns der Türkische Etappenoffizier verweigerte<58>; auser der Zeit (außerhalb der (gewohnten) Zeit(en))<60>; daß gab ein bischen Furch (das machte/erzeugte ein wenig Angst, das schreckte ein bisschen ab)<60>; zum trocknen liegende/[34] (daliegenden / ausgelegten) Steine<61>; Trotsdem (Obwohl/Obgleich) ich ein guter Schütze war<62>; machen sich die ersten Wolken sichbar (bemerkbar or erscheinen die ersten Wolken)<61>; ließen wir die übrigen sagen, wenn sie nicht sofort die Arbeit wieder aufnehmen würden, würden wir uns vom anderen Dorf die Arbeiter holen (den übrigen sagen, dass wir, wenn sie die Arbeit nicht sofort wieder aufnähmen, uns vom anderen Dorf die Arbeiter holen würden)<61> (Nebensatz vereinfacht, keine hochsprachliche consecutio temporum)
d) Auch Werner’s Auslassungen oder Hinzufügungen sind zu zahl- und umfangreich, als dass sie hier in Gänze diskutiert werden können. Eine Auswahl einzelner Beispiele möge daher an dieser Stelle genügen.
► Raffende Zusammenfassung und Neuanordnung erzählter Begebenheiten (wohl um einen besseren Lesefluss zu erzielen): man vergleich beispielsweise die beiden folgenden Abschnitte und versuche, in ²OZ gegebene Informationen in WZ wiederzufinden (oder umgekehrt)!
| ²OZ 89–90 | WZ 16b |
| Hier in Aleppo ließ es sich leben, allerlei Abwechselung, es waren zwei Konzert-gärten, in den eine Östreichische Damen-kapelle und in den andern eine Arabische Damenkapelle spielte, wo wir auch oft zu Gast waren. Auch auf der deutschen Etappe gabs eine schöne Flasche <facs. 90> Deutsches Bier, daß allerdings 2.60 Mark kostete, sonst ritten wir viel in der Um-gegend Spazieren und genossen die schöne Zeit in vollen Zügen. Wir waren im Tier-depot fünf Deutsche, und hatten unsere eigne Küche und auch unseren eignen Koch, der uns schon auf der Etappe in Redwanje betreut hatte. | Hier ließ es sich leben. Wir waren im Depot fünf deutsche Kameraden. Jeder hatte sein eigenes Reitpferd, und abends, wenn es angenehm kühl wurde, machten wir unsre Spazierritte, was andere deutsche Kameraden nicht konnten und worum sie uns sehr benei-deten. Wir hatten unsere eigene Küche mit einem eigenen Koch. In der Freizeit genossen wir das Stadtleben. Es gab in der Stadt zwei Konzertgärten. In dem einen spielte eine österreichische, in dem anderen eine arabische Damenkapelle. Hier gingen wir oft hin. Doch merkte ich sehr schnell, dass das Leben hier viel teurer war. Wir brauchten hier zwar auf nichts zu verzichten, aber mein während der Transporte durch die Wüste Zusammengespartes wurde langsam weniger. Es gab auf der deutschen Etappe sogar deutsches Bier, allerdings für 2,60 Mark die Flasche. Da reichte selbst unsere Tropenzulage von sechs Mark nicht aus, um es oft zu genießen. |
► Auslassungen:
– WZ 0 hat nichts, wo ²OZ “1 Garde Ulanen [:] 2 Mann” auflistet – wohl aus Versehen.
– Aus unerfindlichem Grund lässt WZ 6a eine ganze Passage in ²OZ 29–30 aus, wo Zoberbier die Schwierigkeiten beschreibt, die die Gruppe beim Überqueren einer rutschigen Brücke zu meistern hatte. Die Polizei kam und half, doch einer der Kameraden verlor eine Portion Zucker und sein Gewehr an die Fluten des Tigris. Warum sollte Werner diese unterhaltsame Episode unterdrückt haben?
– Verglichen mit ²OZ 93 ist ein Abschnitt auf Seite WZ 17b weniger detailliert. OZ nennt “Zigeunerbaron oder Schweinefürst” als Beispiele für die von einer österreichischen Theatertruppe aufgeführten netten Stücke, die er in İstanbul gerne besuchte, als er (während seines Heimaturlaubs Anfang 1918) auf die Erlaubnis zur Fortsetzung seiner Reise wartete, und erwähnt, dass eine Eintrittskarte “35 Piaster oder sieben Mark” kostete. Im Gegensatz dazu erwähnt WZ nur den Titel Zigeunerbaron (von Johann Strauss d.J.) und lässt den Schweinefürsten weg (in der Tat ja nur eine Rolle im Zigeunerbaron). Und statt die Preise für die Eintrittskarten zu nennen, sagt er, dass er und seine Kameraden ”auch mal in einem Speiserestaurant [aßen], doch das ging ins Geld, denn die Preise waren in den beiden Jahren, seit ich hier war, ständig angestiegen“.
► Weitere Hinzufügungen, Modifikationen, usw.
– WZ 4b liest ²OZ 20 “Hedjasbahn” fälschlich als “Hedschrabahn”.
– WZ 4b hat fälschlich “Am 26. Januar” statt richtig ²OZ 21 “Am 26ten Februar”.
– WZ 4b liest “Asabatschi” statt des korrekten ²OZ 22 “Arabatschi”.
– WZ 12a korrigiert ²OZ 64 “12-15 Mark” zu (arithmethisch plausibleren) “12 bis 16 Mark”.
– Weiter unten in WZ 12a, wo die Memoiren eine Angabe über die Breite des Euphrat machen, modifiziert Werner ²OZ 65 „mindesten[s] 500 Meter“ zu „500 m bis 600 m“ – hier empfand Werner die Angabe offenbar als zu vage, begrenzte sie deshalb und machte sie etwas konkreter.
– WZ 13a fügt eine Passage über einen „deutschen Kameraden, den Sohn des Hofphotographen aus Metz“ ein: Er sei „auch auf dem hiesigen Friedhof beerdigt worden. Er war zusammen mit uns als Photograph zum Stab von der Goltz abkommandiert worden. In Tarsus hatten wir zusammen den Geburtstag des Kaisers gefeiert. Man erzählte uns, daß er auf seiner Schachtur ein Zelt aufgeschlagen habe, um sich vor Sonne und Hitze zu schützen, und daß er beim Aufkommen eines Sturmes, als die Schachtur kenterte, versucht habe, seine wertvolle Photoausrüstung aus dem Zelt zu retten, und dabei mit der Schachtur untergegangen sei.“ – Woher nimmt Werner diese Details? Aus *¹OZ oder aus eigener Erinnerung an die Erzählungen seines Vaters?
– WZ 14b reduziert die Zahl der von Otto „mit einem Schuß“ erlegten Flughühner von ²OZ 79 „bis zu acht“ auf bescheidenere „bis zu fünf“..
– In einem Bericht über einen Ausflug durch gefährliches Terrain, bei dem die Gruppe mit Überfällen „kühn‑dreister“ Beduinen rechnen musste, fügt WZ 16a zwei Informationen hinzu, die in ²OZ fehlen: (a) „Von Zeit zu Zeit verschwand dann einer unserer Pferdepfleger“, und (b), nach der Erwähnung, dass die Deutschen nach jedem Beduinenangriff von Flugzeugen unterstützte Strafangriffe unternahmen (Parallelstelle in ²OZ 87): „Bisher hatte ich immer Glück, meine Transporte sind nie überfallen worden. Eine andere, viel größere Karawane wurde bei Tigkrit angegriffen, und der Vetter unseres Dolmetschers, ebenfalls ein Palästinadeutscher, war gefallen.“ – Es bleibt unklar, woher diese beiden Ergänzungen stammen.
– Auf S. WZ 16b sind zwei ganze Absätze hinzugefügt: “Nachdem ich länger dort war, hatte ich inzwischen Leute in anderen Stellen kennengelernt. Ein Feldwebel, der irgendeine Ausgabestelle unter sich hatte, zeigte sich bei Gelegenheit erkenntlich, wenn er mal mit einem unserer Pferde ausreiten durfte. / Wir wurden auch von unserem arabischen Tieraufkäufer eingeladen, bei dem es schon europäischer zuging, denn es wurde schon mit Messer und Gabel gegessen. Und auch der Alkohol fehlte nicht”. – Auch hier kann man über den Grund für diese Ergänzung ebenso wie über die Quelle der zusätzlichen Informationen nur spekulieren.
– Laut ²OZ 100 verließen die Deutschen Aleppo „Am vierzehnten“ (gemeint: Oktober 1918); WZ 19a korrigiert dies in „Am 16. Oktober“.
– WZ 19a korrigiert das offensichtlich falsche ²OZ 101 „Ismir“ zu „Izmid“, dem korrekten Namen der Stadt, in der der Zug auf der Fahrt von Konya nach İstanbul hielt.
– WZ 19a liest ²OZ 103 „Kattekoe“ als „Hattekoc“ (die Anfangsbuchstaben H und K sowie die Endbuchstaben e und c sehen in Ottos Handschrift sehr ähnlich aus), was die Identifizierung des tatsächlichen Ortes – Kadıköy! – nochmals erschwert.
– WZ 20a fügt hinzu, dass alle deutschen Soldaten, die keinen Platz auf einem der Schiffe zurück nach Deutschland fanden, auf die Inseln „Haki“ und „Princepo“ gebracht wurden – in ²OZ findet sich dazu keine Entsprechung (sie hätte bei ²OZ 105 stehen müssen).
Stephan Guth, Oslo, im Mai 2024
Literaturangaben
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Zeittafel (engl.)
Fußnoten
[1] Ein Asterisk (*) vor dem Kürzel besagt, dass die Version nicht (mehr?) existent und dass Zweifel an ihrer tatsächlichen Existenz bestehen (siehe Abschnitt „Fragen“).
[2] Interview mit Werner Zoberbier, geführt von seinem Sohn Manfred und Susanne Mortier, Ostern 2024.
[3] Ibid.
[4] Die Entstehungsgeschichte des Textes weist somit gewisse Ähnlichkeiten mit dem auf, was beispielsweise Ruben Gallé über die Memoiren des deutschen Soldaten Georg Steinbach sagt, die er für die Memoria-Reihe des Orient-Instituts Istanbul herausgegeben hat: „Das ursprüngliche Tagebuch, das auf der Grundlage von Briefen und früheren Notizen verfasst wurde, ist auf März 1920 datiert. Obwohl es leider nicht erhalten geblieben ist, gibt es mehrere gebundene Exemplare, die mein Großvater Albert Gallé angefertigt hat und die die Grundlage dieser Veröffentlichung bilden. Als Sammler und Archivar in jeder Hinsicht sah er es als seine Pflicht an, unsere Familiengeschichte zu dokumentieren und zu bewahren“ – Gallé, ed. 2017, 8. Aus Werner Zoberbiers „Nachwort“ zur Abschrift der Memoiren seines Vaters geht klar hervor, dass er sich von einem ähnlichen Motiv geleitet fühlte; auch er wollte das Dokument vor dem Vergessen bewahren und der Nachwelt erhalten.
[5] Interview mit Werner Zoberier (wie Anm. 2). – Da Sohn Werner bereits über 103 Jahre alt war, als Manfred und Susanne ihn zu Ostern 2024 interviewten, ist sein Bericht über die Entstehungsgeschichte des Textes möglicherweise nicht ganz zuverlässig. Ich persönlich glaube nicht, dass Werner die „Original“-Version (*¹OZ) noch zur Verfügung stand. Viele andere Dinge seines Vaters sind in Kisten in dem Haus erhalten geblieben, in dem Werner die „Zweitschrift“ (²OZ) abgetippt und lektoriert hat; warum also sollte *¹OZ erst dann, nach dem Lektorat, verloren gegangen sein? Weggeworfen, weil es zerfleddert und unbrauchbar geworden war? Hätte sich Werner nicht daran erinnert und erwähnt, dass er es weggeworfen hatte? Als weiteres Indiz für die Nicht-Existenz von *¹OZ zum Zeitpunkt der redaktionellen Bearbeitung durch Werner lässt sich vermutlich auch die Tatsache werten, dass Werner es im „Nachwort“ zu seiner überarbeiteten Fassung nicht als erhalten erwähnt.
[6] Der folgende Abschnitt basiert auf der (von Susanne Mortier angefertigten) Zusammenfassung des Interviews, das sie am 2. Februar 2024 mit Otto Zoberbiers Sohn Werner (damals 103 Jahre alt) über das Leben seines Vaters geführt hat.
[7] In der vorliegenden Publikation beziehe ich mich mehrfach auf (1) Ruben Gallés Ausgabe (2017) der privaten Memoiren von Georg Steinbach über seinen Aufenthalt in Istanbul im Jahr 1918 (Memoria, Bd. 3), (2) Oliver Steins Untersuchung zahlreicher ähnlicher „Reise“-Dokumente (Stein, „Orientfahrten“, 2016) sowie (3) Jan Christoph Reichmanns Dissertation (Münster 2009) über deutsche Sichtweisen auf die osmanischen Verbündeten (sowohl Araber als auch Türken) – siehe Bibliografie.
[9] Vgl. ²OZ 24–25 / WZ 5a, wo Otto sich daran erinnert, dass sie von der Grausamkeit der türkischen Gendarmen entsetzt waren und versuchten, „so gut es ging“ zu helfen, indem sie von ihren eigenen Vorräten abgaben, was sie entbehren konnten; doch sie fühlten sich auch machtlos und außerstande, das Schicksal der Armenier abzuwenden. ²OZ versucht sogar, einen positiven Aspekt in ihrer, der Zeugen, Ohnmacht zu sehen: Den Opfern zu helfen hätte ihr Leiden und ihren unvermeidlichen Tod nur verlängert (die Passage ²OZ 25, in der es heißt: „helfen konnten wir ih[nen] wenig, verlängerten nur dadurch noch ihre Qual“, fehlt in WZ). – Ein Vergleich mit anderen ähnlichen Berichten zeigt, dass die Gefühle und Einstellungen Zoberbiers und seiner Kameraden recht typisch dafür waren, wie deutsche Augenzeugen damals auf das reagierten, was sie beobachteten, vgl. Reichmanns Analyse vergleichbarer Dokumente (siehe Diary, ftn. 53).
[10] Der aus Zoberbiers Memoiren hervorgehende „Währungsumrechnungskurs“ bleibt über die vom Text abgedeckte Zeit hinweg durchgehend stabil: 1 Piaster = 20 Pfg (Pfennige = 0,20 Deutsche Mark); 5 Piaster = 1 Mark; 20 Piaster = 1 Medjidi = 4 Mark. Für 1 Piaster erhielten die Soldaten 6 Eier (WZ 5a); für 2–2½ Piaster (40–50 Pfg) kauften sie 1 Huhn (WZ 5a) oder verkauften ein Fuchsfell auf einem Markt in Bagdad (WZ 12a); 5 Piaster (1 Mark) betrug der übliche Lohn für arabische Einheimische für einen Tag ungelernte Arbeit, und derselbe Betrag wurde von neu eingetroffenen Truppen im Hinterland von Riḍwāniyya (in der Nähe von Bagdad) für eine ordentliche Mahlzeit verlangt (WZ 12a); ein Vier-Gänge-Menü im von Deutschen geführten Hotel Franzow in Bagdad kostete 8 Piaster (1,60 Mark) (WZ 6a), während eine Flasche Bier im deutschen Hinterland in Aleppo gegen Kriegsende bereits 2,60 Mark (13 Piaster) kostete (WZ 16b), d.h. mehr als zwei Fünftel der üblichen Tropenzulage eines Soldaten (die sich auf 6 Mark, 1,5 Medjidi oder 30 Piaster belief) (ebd.); somit war der Preis, zu dem man ein Luchsfell auf einem Bagdader Markt verkaufen konnte – 3–4 Medjidi (= 12–16 Mark) – ein wahres Vermögen (WZ 12a).
[11] Vgl. ²OZ 22, 28, 48 / WZ 4b, 5b, 9a, 16a. Mehr zu dieser Gruppe siehe Anm. 48 zur englischen Übersetzung.
[12] Einige Beispiele: (über Konstantinopel/Istanbul) „Wie haben wir hier gelebt und wünschten es mochte immer so bleiben (²OZ 6) ≙ „Wie haben wir hier gelebt und geschwelgt!“ (WZ 2a); [wie traurig es war] „von hier Abschied nehmen, in der wir so viele unvergesslich schöne Stunden verbracht hatten” (²OZ 8); (über Pozantı, eine Station an der Anatolischen Eisenbahn:) „Hier verlebte ich nun wieder einige schöne Tage, die mir ewig in Erinnerung bleiben werden” (²OZ 10); (über Aleppo:) „Hier … begann wieder ein Leben, wie wir es uns nicht besser wünschen konnten… Wie haben wir hier gelebt…! das Feiern nahm kein Ende” (²OZ 20-21); (über Pāyṭāq, Persien:) „Hier lebten wir wirklich gut“ (²OZ 40); (über Riḍwāniyya, Irak:) „wir lebten hier sehr gut” (²OZ 65); (wieder in Aleppo:) „Hier… verlebte ich die schönste Zeit… Hier… ließ es sich leben… wir genossen die schöne Zeit in vollen Zügen” (²OZ 89-90).
[13] Z.B., als sie in Sistov, Bulgarien, ankommen: „Nun konnten wir uns wieder ein paar ruhige Stunden gönnen, uns die Stadt ansehen und… das Leben und Treiben… miterleben“ (²OZ 5); dann in İstanbul/Konstantinopel: „Wir mußten uns ja jeden Tag auf der Etappe melden, hatten dann aber Frei und noch genügend Zeit um uns die Stadt an zusehen und kennen[zu]lernen“ (²OZ 6–7) ≙ „Dienst gab’s nicht“ (WZ 2a). – Touristische Höhepunkte in İstanbul waren nicht nur die Hagia Sophia, der Gedeckte Basar und der Bosporus, sondern auch ein Besuch (auf Einladung deutscher Matrosen, die die Gruppe in der Stadt getroffen hatte) auf der SMS Göben (siehe Diary ch. 1, Abb. 13 und 14), „ein herrliches / Schiff von 186 Meter länge, die großen Geschütztürmen mit ihren 28 cm Geschützen, war für uns Feldgrauen ein einmaliges Erlebnis. Es wurde uns auch alles gezeigt und erklärt, was Civilpersonen nie zusehen bekamen“ (²OZ 7–8). – Als Zoberbier im Dezember 1915/Januar 1916 zum ersten Mal nach İstanbul/Konstantinopel kommt, hat er zweieinhalb Wochen bis zu seiner Abreise nach Anatolien Wartezeit; bei der zweiten Gelegenheit (Heimaturlaub) sind es fast drei Wochen (bis er die Erlaubnis zur Weiterreise nach Berlin erhält und ein Zug kommt); und selbst bei der dritten Gelegenheit (als die Stadt bereits von Briten, Franzosen und Italienern besetzt ist und die Gruppe nach ihrer Ankunft am 18. November 1918 in Kadıköy in Gewahrsam gehalten wird) können sich die Soldaten frei bewegen und fast zwei Monate lang Besichtigungsausflüge unternehmen und einkaufen. Auf dem Weg zur Ostfront hat Zoberbier fast vier Wochen in Aleppo (Februar 1916) und sechs Tage in Bagdad (März 1916) „frei“. Im Sommer/Frühherbst 1916, nach einem langen Aufenthalt im Lazarett, während er sich langsam von einer Krankheit erholt, verbringt er wiederum mehrere Wochen in Bagdad; und als er in Aleppo stationiert ist, hat er nochmals dreieinhalb Monate dort (Oktober 1917 bis Mitte Januar 1918) und dann (nach der Rückkehr vom Heimaturlaub) noch einmal fast ein halbes Jahr. Wie oben bereits erwähnt, nutzte er von Aleppo aus die Gelegenheit eines Transports in die Biqāʿ‑Ebene zu einem Ausflug nach Baalbek und Damaskus, und als es einmal nach Mossul ging (im Frühjahr 1917), war es nur selbstverständlich, dort die Ruinen von Ninive und das Grab des Jonah zu besichtigen (²OZ 74–75 / WZ 14a).
[14] (In Tarsos): „Im selben Hotel waren auch zwei österreichische Kameraden untergebracht… Hier… feierten wir bei der Familie [F]arnow Kaisers Geburtstag… Die Gegend ist herrlich, im Süden das Mittelmeer und im Norden die schneebedeckten Gipfel des Taurus‑Gebirges“ (WZ 4a); (in Aleppo): „die vielen Deutschen die hier Wohnten… luden uns öfter ein“ (²OZ 20–21).
[15] Siehe ²OZ 42/ WZ 8a, ²OZ 62 / WZ 11b, ²OZ 63-64 / WZ 11b-12a, ²OZ 79 / WZ 14b, ²OZ 80 / WZ 15a, ²OZ 82 / WZ 15a, ²OZ 85.
[16] Z.B., als er einen Transport in die Biqāʿ‑Ebene begleitete, um sich Baalbek und Damaskus anzusehen.
[17] (In İstanbul/Konstantinopel): „daß Essen war vorzüglich und die Getränke nicht schlechter“ (²OZ 6); (in Aleppo): „die gute Verpflegung, der gute Wein“ (²OZ 20); „Auch auf der deutschen Etappe gabs eine schöne Flasche… Wir hatten unsere eigne Küche und auch unseren eignen Koch“ (²OZ 89–90); „wir… brauchten eigentlich nichts entbehren… und lebten wie die Made in Speck. Abends ließen wir uns öfters zum Konzertgarten fahren, um bei einer Flasche Wein oder bei einen Glase Racki zu verbringen“ (²OZ 91).
[18] Selbst am entlegensten Ort, den er auf seiner „Reise“ je erreichte – Pā(y)ṭāq in Persien – sagt er, „[ich] ließ mich Häuslich nieder“ (²OZ 40).
[19] Karl Friedrich May (1842–1912) ist in erster Linie für seine Reise- und Abenteuerromane bekannt. Er war – und ist – „einer der meistverkauften deutschen Autoren aller Zeiten, mit weltweit rund 200 Millionen verkauften Exemplaren“. „Für die Romane, die in Amerika spielen, schuf May die Figuren Winnetou, den weisen Häuptling der Apachen, und Old Shatterhand, Winnetous weißen Blutsbruder. Eine weitere Romanreihe spielte im Osmanischen Reich. In diesen reist der Erzähler und Protagonist Kara Ben Nemsi mit seinem einheimischen Führer und Diener Hadschi Halef Omar durch die Sahara in den Nahen Osten und erlebt dabei viele spannende Abenteuer. […] Mit wenigen Ausnahmen hatte May die von ihm beschriebenen Orte nicht selbst besucht, doch verstand er es gut, den Mangel an direkter Erfahrung mittels einer Kombination aus Kreativität, Vorstellungskraft und dokumentarischen Quellen wie Karten, Reiseberichten und Reiseführern sowie anthropologischen und sprachwissenschaftlichen Studien auszugleichen. […] Undogmatische christliche Werte spielen in Mays Werken eine wichtige Rolle.“ Zu den bekanntesten Titeln zählen die sechs Romane des sogenannten Orientzyklus, d.h. Durch Wüste und Harem, Durchs wilde Kurdistan, Von Bagdad nach Stambul, In den Schluchten des Balkan, Durch das Land der Skipetaren, Der Schut (Einzelausgaben seit 1879, 1892 im Orientzyklus zusammengefasst). „May hatte erheblichen Einfluss auf […] die deutsche Bevölkerung […]. [Literaturwissenschaftler] betrachten die Popularität seiner Werke und der (meist deutschen) Protagonisten [gerne] als Füllung einer Lücke in der deutschen Psyche, die bis ins 19. Jhdt. hinein nur wenige Volkshelden kannte. Seine Leserschaft sehnte sich danach, einer industrialisierten, kapitalistischen Gesellschaft zu entfliehen […]. May ‚trug dazu bei, den kollektiven deutschen Traum von Heldentaten weit jenseits bürgerlicher Grenzen zu prägen‘“ – https://en.wikipedia.org/wiki/Karl_May (5. Mai 2024, übers. aus dem Engl.).
[20] Als solche gehörten die Orte, die Zoberbier und andere zu sehen bekamen, zum „Heiligen Land“, auch wenn dieser Begriff – wie Zorgati 2021, 331 Anm. 9, zu Recht feststellt – „needs some specification“. Zoberbier drang nie so weit nach Süden, bis ins „Herzland“ dieser „heiligen“ Region vor (Judea, Samaria, Galiläa und das Land der Philister). Dennoch übten selbst Orte wie Damaskus oder Ninive, die in der europäischen „Heiligkeits-Hierarchie“ (beschrieben in Ben-Arieh 1989) nur „drittrangig“ waren, eine quasi magische Faszination aus. (An zweiter Stelle in dieser order of holiness rangierten das Ostjordanland und der Negev.) Für eine kritische Untersuchung des Begriffs Heiliges Land siehe auch Whiting 2007. – Im Unterschied zum Mainstream‑Tourismus ins „Heilige Land“ scheint Zoberbier nicht von religiösen Motiven geleitet gewesen zu sein, und sein Bericht erwähnt nie Szenen gemeinsamen Betens an „biblischen“ Orten, wie es andere (etwa die in Løvlie 2021 untersuchten) Reiseberichte regelmäßig tun.
[21] ²OZ 90-91 / WZ 16b.
[22] Vgl. in diesem Zusammenhang auch Ruben Gallés Bemerkung, dass der einfache Soldat Georg Steinbach (der zwischen Juni und November 1918 ausgiebige Spaziergänge durch Istanbul unternahm) von einem „Entdeckerdrang“ (Gallé, ed. 2017, 6) getrieben gewesen sei, der offensichtlich stark beeinflusst war von den damals in Deutschland und Europa gängigen „Orient“-Klischees. „It was as an exotic place of longing characterized by sensuality and decadence“ (ebd.). „For all of them, the Orient was a strange and yet, at the same time, a fairy-tale world. It was a world of exotic spices, smells, colors, and sounds. ‘It is already dim – a beautiful evening. People are returning home from work. Water sellers drive their cask-laden donkeys. It is all so new to me, so strange, and yet so charming. Memories from my boyhood are awakened at the point where the imagination vividly seizes the mythical Orient’“ (Gallé, mit Zitat aus Steinbachs Memoiren, ebd. 21 / facs. 13.).
[23] Freilich war die Rechtschreibung damals noch nicht so stark normiert wie heute. Dennoch wirkt ²OZ im Vergleich zur Schreibung zeitgenössischer Drucktexte sehr „halbgebildet“.
[24] Die Sütterlin-Schrift wurde 1911 vom Grafiker Ludwig Sütterlin entwickelt und von 1915 bis 1941 an deutschen Schulen unterrichtet (https://en.wikipedia.org/wiki/Sütterlin, 3. März 2024). Sie ist eine Vereinfachung der älteren Kurrent-Schrift, die vom 16. bis zum frühen 20. Jahrhundert in verschiedenen Varianten in Gebrauch war. Der Name Sütterlin wird „heutzutage oft verwendet, um mehrere ähnliche Varianten der alten deutschen Handschrift zu bezeichnen“ (…/Sütterlin), und was Werner Zoberbier als „in alter deutscher Schrift geschreiben“ in Erinnerung hat, war wahrscheinlich Kurrent. – Abb. 1 zeigt den Titel der Memoiren so, wie er in Sütterlin ungefähr ausgesehen haben könnte (Spalte ¹OZ), und so, wie er in der „Zweitschrift“ (²OZ) erscheint.
[25] Eine ähnliche (wenn auch noch reichere) müḥārebe medalyăsı (Kriegs‑/Kampfmedaille) ist in Veltzke 2014, 332, abgebildet: ein „Mecīdīye‑Orden 3. Klasse“, der 1917 an Major Klein (um den es in Veltzkes Buch geht) für „gute Dienste in Bagdad und Persien“ verliehen wurde. Vgl. unten, Abb. 8b, Umschrift und Übersetzung des Texts von Zoberbiers Urkunde.
[26] Besten Dank an Benjamin Weineck, Heidelberg, der mir half, die Dīwānī‑Schrift zu entziffern und die Bedeutung des Textes zu erschließen. Er scheint ein paar Verschreibungen zu enthalten (mevāḳ̣iʿid..ñde, oldığġıdan), und die letzte Zeile ist aufgrund von Textschäden durch das Falten des Dokuments nur sehr schwer lesbar.
[27] Diese lauten: „1. Nach Konstantinopel“, „2. Über den Taurus“, „3. Unterwegs nach Bagdad“, „4. Bagdad“, „5. Neues Ziel: Persien“, „6. Wieder in Bagdad“, „7. Am Euphrat“, „8. Rückzug“, „9. Neuer Beruf: Karawanenführer“, „10. Aleppo (Ende Sept. 1917 – Jan. 1918)“, „11. Urlaub“, „12. Rückzug und Kriegsende“, „13. Heimkehr“.
[28] Wie bereits oben erwähnt, fügt WZ im Zusammenhang mit dem Völkermord an den Armeniern eine Passage ein, die in ²OZ fehlt (siehe oben, Anm. 9), während beide Versionen über die Verlobung mit Erna Jänicke schweigen (siehe oben, „Fragen…“).
[29] Siehe ebd. – WZ erwähnt die Braut wenigstens einmal, während ²OZ sie völlig ausklammert.
[30] Seitenzahlen in ²OZ sind in „<…>“- Klammern angegeben.
[31] “…/” kennzeichnet nachträgliche Einfügungen, typischerweise über der Zeile.
[32] Dto.
[33] Dto.; „daß“ ist hier nicht die unterordnende Konjunktion, sondern ein (falsch geschriebenes) Demonstrativpronomen „das“ im Akkusativ.
[34] Nachträgliche Einfügung.
